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Kunst im Öffentlichen
 
Ein Szenario: Normalerweise steht da irgendwo eine Bühne, dort finden sich zu einer vereinbarten Uhrzeit an einem vereinbarten Tag Künstler ein und führen dem sich um diese Bühne scharenden Publikum eigene Werke oder Werke Dritter vor.
 
Bisweilen sind die Künstler auch gar nicht anwesend, und auf der Bühne stehen in Vertretung deren Bilder, Objekte und andere Werke und die Bühne ist dann vielleicht ein ganzes Haus.

In seltenen Fällen gibt es überhaupt keine Bühne und die Künstler (oder deren Werke) befinden sich mitten im Publikum, also auf der Tribüne, die im Normalfall um die Bühne herum gebaut wird, damit alle gut sehen können - nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern auch sich gegenseitig.

Nun, in unserem laut dem Titel und nachfolgend zu verhandelnden theoretischen Fall hat ganz offensichtlich ein besonders schlauer Zeitgenosse die Bühne entfernt: So sieht das Publikum zuerst einmal sich selbst in die Augen, bis ihm erklärt wird, daß man hier ganz ohne Bühne auszukommen hofft. Dafür gibt es mehrere Gründe, so wird betont: Die Nähe zum Publikum, das Gefühl, persönlich angesprochen zu werden, das Entfernen der Grenze zwischen Kunst und Leben und zu guter Letzt "besteht die Kunst nicht in den Werken, sondern aus den Kommunikationen, die über das, was wir Werke nennen, geführt werden" ... und eigentlich wäre sogar die Tribüne überflüssig.

Eine richtig gute Idee, denkt sich da eine Wirtschaftsfachkraft: "Die Kunst kommt kostengünstig direkt zum Verbraucher - keine langen Lieferzeiten, Ticketbuchungen, Locationwahl und -Miete, und keine Lagerhaltungskosten! Den Überraschungseffekt nicht zu vergessen, der die unerwartete Wahrnehmung schockartig in das Verbrauchergedächtnis tätowiert."

"Ich bin nicht in Stimmung, ich habe mich gar nicht vorbereitet, was erlaubt sich die Kunst, da so einfach von der Bühne zu steigen"? antwortet der Bürger und versucht vergeblich, die Tätowierung von der Hirnrinde zu kratzen.

... nun mal im Ernst:

Seit den 80ern gibt es diesen Begriff "Kunst im öffentlichen Raum", unter dem sich Kulturministerien, Künstler und Veranstalter in die Gestaltung des Alltags Dritter einmischen. Zuerst der Versandkatalog, dann der Onlineshop und nun auch noch die Kunst - wenn das nicht an Nötigung grenzt!

An die Aufdringlichkeiten der "Verbraucherinformationen" haben wir uns ja gewöhnt, nicht nur das, sie bestimmen unser Denken und Handeln. Alle haben es auf unseren Geldbeutel abgesehen und wir finden das inzwischen legitim. Was soll schlecht daran sein, sich den Unterhalt zu sichern, wenn man etwas zu verkaufen hat? Ganz anders sieht es da mit den Künsten aus. Sie gelten als exklusiv bis abgehoben, lebensfremd oder eben nur für gewisse Stunden tauglich. Als Stimmungsquelle im hörbaren Wellenbereich beim Gang durch die Einkaufszone, meinetwegen. Aber als Gegenstand der Bildenden Kunst ohne nachzuvollziehende Funktion mitten auf den Pfaden des alltäglichen Verkehrsgetümmels?

... untersuchen wir den kreativen Augenblick ... und zwar nicht den des Künstlers, sondern den des Normalverbrauchers (zu denen ja auch die Künstler zählen dürfen, da auch sie ihren Alltag haben).

 
Für kreativ kann gelten ein Augenblick, der unerwartet Neues bringt, die Früchte an den taggeträumten Wunschbäumen in die Möglichkeitsform kleidet, Gelegenheiten und Erkenntnisse verschafft. Die unerwartete "Liebe auf den ersten Blick" beschreibt den fabelhaft veredelten Mythos vom "alles ist plötzlich neu, alles ist anders, frei und schön" und die Zugehörigkeit zur Welt war nie größer. Einfach unvergleichlich!

In diesem Sinne wird der Künstler - entgegen aller Bemühungen seitens aufgeklärter Kunsttheorie - immer ein Romantiker bleiben, bestrebt, sich und anderen solche Augenblicke durch Schaffenskraft erreichbar zu machen.

Im Gegensatz zum gängigen Produktversprechen der Verbraucherinformationen erlaube ich mir, Kunstwerke im weitesten Sinne als Formen zu behaupten, die nicht darauf angelegt sind, etwas zu versprechen, sondern mit ihrem Vorhandensein als Einlösung eines Versprechens gebaut sind (auch wenn sich viele das anders wünschen und danach [Kunst-]Politik betreiben). Sie sind eine freie Möglichkeitsform, die jeder ergreifen kann, sobald er sie begreift. Kunstwerke sind nicht auf Produktionssteigerung angelegt, sondern auf Erkenntnisgewinn. "Tausend Mal berührt, tausend Mal ist nix passiert ..."

Wie bei der Liebe auf den ersten Blick zeichnet ein "gutes" Kunstwerk seine Zweckfreiheit aus. Die Freiheit der Form und des Gedankens, ein unerwarteter Raum, gesetzt gegen die abwägende und spekulative Verstrickung ins Gestern und Morgen, entworfen um einen Augenblick zu gewinnen, jetzt, unverfälscht, gegenwärtig, wahrnehmend. Zugegeben, das klingt esoterisch ... doch ganz fern ist diesem Wunsch wohl niemand, oder gehen Sie nicht gerne ins Kino? Und was tun Sie da: Sie genießen die Zweckfreiheit der Illusionen.

Wir haben verglichen:

Vielleicht ist für viele Zeitgenossen das Erschreckende an "Kunst im öffentlichen Raum", daß die Grenze zur Illusion (und damit das lang tradierte Gefühl der Unerreichbarkeit) verringert wird, denn diese Kunstkategorie trägt Geschichten und Gedanken unerwartet mitten in den Alltag.

In unserer historischen Gewohnheit betreiben wir in der Hauptsache eine "Erwartungs- und Sehnsuchtskultur", die immer neue Versprechen produziert, um zu wachsen und sie durch neue Versprechen zu enttäuschen, um noch weiter zu wachsen.

"Kunst" kann einen Beitrag zu einer "Erfüllungskultur" leisten, die nichts verspricht, sondern einfach zeigt: Die Menschen, die Künstler, Materialien, die Konstruktion von Illusionen.

Schwer vorstellbar, in einem Museum neben jedem Werk eine Schaltfläche vorzufinden, auf der steht: "Vergleichen Sie!". Egal, was man vom einzelnen Kunstwerk hält, jeder Anspruch der Vergleichbarkeit würde es für einen sinnvollen Gedanken unbrauchbar machen. Das ist die Chance des Betrachters.

Manchmal ist man eben "reif für die [Kunst-]Insel".

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