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Tribunen und Tribünen
 
Vorab: Tribüne und Bühne haben nicht dieselbe etymologische Herkunft. Tribüne bedeutet eigentlich „Rednerbühne“, „Empore“, „Galerie“. Auf einer Tribüne wird jemand erwartet, der sich (vielleicht sogar mit Text) dort vor- und darstellt.
 
Aus der Entwicklung der griechischen Demokratie kennen wir als architektonische Leistung das Amphitheater, das wir als Rund um eine Bühne sehen. Doch das beschreibt diese Architektur nur aus heutigem Verständnis und Gebrauch im showbiz.

Die Tribüne, einst der „Hochsitz für die Tribunen“ ist ein Richterstuhl, auf dem die „Gauverwalter“ (lat. tribus) Platz nehmen. Durch ein architektonisches Konzept wurde diese Funktion weiter demokratisiert. Von einer Tribüne – im heutigen Sinne von Zuschauerbühne - kann man nicht nur hervorragend auf die eigentliche Bühne sehen, sondern man kann auch alle anderen Zuschauer beobachten. Anders als beispielsweise in einer Basilika können Zwischenrufer nicht untertauchen.

Wer in einem Amphitheater aufsteht und spricht wird von allen gesehen und hat zu seinem Wort zu stehen, will er nicht das Gesicht verlieren. So ist die Tribüne also eine Erweiterung der Bühne für das Volk und zur Gewährleistung individueller Zurechenbarkeit.

Unser heutiges Verständnis von Tribüne ist ein Rückschritt, wenn wir ausschließlich an den Bau eines Beobachtungspostens für viel Publikum denken. Am ehesten sehen wir den Wechsel der Funktionen einer Tribüne, die des Sehens und Gesehenwerdens, aber auch (in einem Rollen-„Switch“) der des Mitteilens, bei Sportereignissen. Nehmen wir ein Fußballspiel:

Schon vor Beginn der Veranstaltung geht es auf den Rängen um Werbung in eigener Sache. Fahnen geben Auskunft über Herkunft und Haltung, die von den einzelnen Zuschauergruppen zu erwarten sind. Kommentare zur Lage des Vereins etwa oder zu vergangenen Spielen und Ereignissen werden auf Transparenten kundgetan.

 
Vor dem Anpfiff setzt sich das Publikum eigenmächtig in die Rolle eines Tribunals und spricht (Recht?) über die aktuelle Situation der Kontrahenten. Dann der Anpfiff und der Rollen-„Switch“:

Während der Darbietung auf dem Rasen folgt das Publikum in „privater“ Selbstvergessenheit dem Geschehen, insofern dieses spannungsreichen Anlaß dazu bietet. Sobald jedoch die „Show“ flautet oder eine unerwartete Unterbrechung eintritt, wird die Tribüne wieder zur Bühne für allerlei Kommentare und Urteile.

Die Zuschauer gebärden sich dann tatsächlich selbst wie „Tribunen“, spielen Richter über das Geschehen - wenn auch nicht mit performativer Wirkung. Eine Kaskade von Gestik und Rhetorik bricht über das Spielfeld (die Bühne) herein und das Publikum fordert den Rechtsanspruch ein, ins Geschehen einzugreifen oder gegebenenfalls den Schiri zu vermöbeln.

In Sprechchören teilen sich die verschieden Parteien über das Spielfeld hinweg ihre Meinung über die jeweils anderen mit und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Das hat nichts mehr von den verstohlen plötzlichen Zwischenrufen aus einem dunklen Theaterparkett, bei denen der Urheber sicher sein kann, nur von den nächsten Umsitzenden erkannt zu werden. Hier will man seine Urteilssprüche offen argumentieren und präsentieren. So zollen sich auch heute noch auf einer Tribüne die Anwesenden wechselseitig Tribut, könnte man den Eindruck gewinnen.


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