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Künstler im politisch avisierten Gestaltungsraster
 
Kontexte zur Situation der Künstler im politisch avisierten Gestaltungsraster einer Kunst der Gegenwart
 
Seit den 90ern werden die "Creative Producers" von der Politik focusiert und als "Avantgarde" für ein neues "politisches Gestaltungsraster" entdeckt. Der Lebensentwurf von KünstlerInnen wird dabei modellhaft in den Mittelpunkt gestellt, ohne daß sich dies spürbar auf deren prekäre Lebensumstände auswirkt. Weiterhin dient die Arbeit von KünstlerInnen in erster Linie als politische Methapher für die Reduktion gesamtgesellschaftlich zu tragender Verantwortung auf dem Sektor eines umfassenden Bildungsauftrags, der in die Sphäre des Individuellen zurückgesperrt werden soll.

Im Kleide der "Ich-AGisierung" und mit dem Aufruf zur Selbstverantwortung dem persönlichen Schicksal gegenüber wird unter einem einseitigen, forschungsfeindlichen und rein marktorientierten Propagandismus der Abbau von Mitteln für die Kunst zugunsten eines schwammigen Marketingbegriffs vom "kreativen Potential" betrieben. Doppelzüngig treibt die "Legende vom hungrigen Vogel, der besser singt" neue Blüten als Konzept zur Steuerung von Ideenfindung. Im Mantel eines romantisch verklärten Kapital-Darwinismus (Stichwort „Glamourisierung der Arbeitswelt“) wird aller orten versucht, die Diskussion um Kunst auf ein wahr und schön ist, was profitabel ist zu reduzieren.

Eine weitere Stufe der Assimilierung der Glanzheiten aus der Kunstwelt steht an: Zuerst die "Lofts" als reine Repräsen-tanz-Werkstatt, die für die tatsächlichen "Produzenten" dann bald unerschwinglich wurde und nun die Adaption der so wohl nie in der ernst zu nehmenden Künst-lerschaft gelebten "Selbstverwirklichung" als Glücksversprechen für ansonsten unter- oder unbezahlte Teilhabe (das Praktikum-Modell).

Das Wort von der "Win-Win"-Situation beschreibt ja durchaus das allseits Gewünschte. Doch Vorsicht ist geboten, wenn auf der Ebene einer Image-Synthese argumentiert wird. Der "creative producer" z.B. der unter den Begriff subsumierte Frisör partizipiert urplötzlich am Image des armen Poeten und beansprucht als althergebrachter Berufsstand gleich die Rettung vor dem Hungertod. (Selbstredend geht es hier nicht gegen das Berufsbild des Frisörs). Doch verwundert, daß hier im imageschöpfenden Gegenzug die modische Beliebigkeit des Frisörberufs auf das Bild vom Künstlerdaseins übertragen wird. Dergestalt kann auf der Inhaltsseite keine der beiden Berufsgruppen eine "win-win"-Situation verbuchen. Im Gegenteil: Die (ohnehin in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig berücksichtigten) beruflichen Spezifikationen werden bewußt verschleiert und "Kunst machen" ist nun vergleichbar dem "Frisieren". Nun, und wer gut frisiert, holt auch ein paar PS mehr aus seiner Kiste, ist die Botschaft.

 
Und dann mit Karacho die Hauptstrasse lang gebraust, das schafft einen guten „Aufmerksamkeits-Index“. Bei derart inhaltlich ins Beliebige reduziertem Profil wird sich der tatsächliche Ge"win"n beider Sparten allenfalls auf die Absatzzahl von hübschen Gefälligkeiten auswirken. "Creative producer" meint nun oberflächlich "Verschönerer" und damit die Arbeit an der „inneren“ Schönheit einer lebenswerten Gesellschaft ausgeblendet.

Eine Art "Verschleierungsdialektik" - "Es ist keine Schande, Geld zu verdienen" versus "Dabei sein ist alles" - löst den Versuch einer Synthese (nicht nur) traditionell gegenläufiger Positionen ab, indem einfach in einem an den Haaren herbeigezogenen Akkord zwei Lifestyle-Positionen als Aufstiegsmodell verkauft werden, mit dem Ziel, möglichst viele Zielgruppen abzudecken und zum Schulterschluß zu bewegen. Der "arme Poet" als Starter-Kit fürs große Geld.

Forschung (nicht nur) in der Kunst wird auf Marktforschung gestutzt. Kunst ist nun Teil der "Produktion" und wird zu einem Spezialgebiet der Trendforschung erklärt. Die neue "Währung" der Kunst wäre nicht mehr (bezahlte) Qualität, nein: in "Aufmerksamkeit" wird abgerechnet und angeschlossene ArtConsultingKonzepte sollen den Boden für ruhmhaft inszenierte Warenproduktionen bereiten. Der in der Kunst tradierte Versuch, den Begriff "Produktion" als Beitrag zur Entmystifikation des Geniebegriffs einzuführen, um die Selbstverständlichkeit künstlerischen Handelns bezüglich der Akzeptanz beim Publikum neu zu setzen, wird ausgehebelt.

Umgekehrt wird das politisch restriktiv bewahrte Bild von der trivialromantischen "Unschuld der Kunst" - soweit es die "Produzenten"-Seite betrifft - in den Vorwurf der Weltferne verkehrt. KünstlerInnen sollen sich (natürlich auf eigene Kosten) zu einer merkantilen Weltsicht umschulen lassen.

Die steigende Frequenz solcher Angebote überflutet derzeit die (elektronischen) Briefkästen von Kunstschaffenden. Die Ware selbst jedoch soll weiterhin jener volkstümlich tradierten, trivialromantischen Weltsicht vom "armen Poeten" frönen.

Diese merkantilen Strategien der Begriffsstutzung ins Bewußtsein zu bringen und auf anderem Niveau zu diskutieren ist das Anliegen der Aktion "artists cube", um die historisch - besonders auch im Hamburg der 90er Jahre - erarbeiteten Qualitäten der künstlerischen Mitgestaltung des öffentlichen Raumes nicht verloren zu geben.

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Im Rahmen des Symposiums der freien Kunsthäuser und -Initiativen setzt KiöR e.V. zwei Fragebogen zu Kunst im öffentlichen Raum in Umlauf:

artists cube - public cube

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