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Das Publikum und die Kunst der Gegenwart
 
Zu den Regeln, die die Ausnahmen bestätigen oder:
Wer folgendes für Publikumsschelte hält, der hat sie auch verdient
 
Als „Kunst“ gilt im allgemeinen Sprach- gebrauch fast jede - meist handwerk-liche - Fertigkeit, denn „Kunst“ kommt von „Können“. Kunst steht für „Life-Style“ und wird in einem Atemzug mit Design, Dekor, Kunsthandwerk bis hin zur Souvenir-Produktion für Fertigkeiten jeglicher Couleur verwendet. Feinere Differenzierungen der einzelnen Tätigkeiten kennt der Volksmund hierzulande kaum, wozu auch. Grenzziehungen machen nur denjenigen Probleme, die öffentliche Fördertöpfe verwalten. Bildende Kunst, wenn als Begriff überhaupt bekannt, „stellt dar“, „illustriert“ und verschönert (bisweilen stark umstritten) unser Umfeld, einen „Zweck“ hat sie scheinbar nicht. Kunst ist vornehmlich, was gefällt. „Malen Sie?“ Die Glanzheiten der „Kunstwelt“ werden den oberen 10.000 zugerechnet und gelten so in der Doppeldeutigkeit des Wortes als „künstliche Welt“ und den Problemen des Alltags entrückt.

Kunst - und insbesondere „Bildende Kunst“ - wird heute vornehmlich als spezialisierter Wirtschaftszweig der Unterhaltungsbranche gelistet, der hauptsächlich durch Spekulations(ver)-käufe oder Skandale auffällt. Daher kaum verwunderlich der Aufruf zur Ordnung: rentabel soll Kunst sein, ein artiges i-Tüpfelchen auf der gehobenen Freizeitgestaltung - jedenfalls derer, die sie sich leisten können. Im Zuge der Harmonisierung des Globus und als der politischen Weisheiten letzter Schluß hat auch Kunst den Siegesweg der Marktwirtschaft zu beschreiten.

Nur Wenigen ist Kunst ein Feld der Forschung für eine bessere Verständigung untereinander, für Lebensqualität im aktuellen Fragen nach dem Sinn und Modus unserer Lebensentwürfe, ein Werkzeug des „Begreifens“.
War das jemals anders?

Die neueren Errungenschaften der Kunst für unser tägliches Leben sind am großen Publikum unbemerkt vorüber gegangen. Der Formenschatz, der unseren Alltag überflutet, wird weniger als Ergebnis einer traditionsreichen „ästhetischen Forschung“, vorne weg des Willens zur Freiheit in der Kunst der Jahrhunderte und Epochen gesehen. Den meisten wird Kunst eben erst „kunst-historisch“ richtig lebendig.

Das breite Publikum ist ja nun endlich im Jahre 1920 angekommen. Wenn in der Kunst etwas funktioniert, dann ist es die Mythosbildung, die Mär vom Ruhm nach dem Ableben. Alles andere wird dem Künstler von großen Teilen der Bevölkerung übel genommen.

Der Künstler findet sich stilisiert zur postmortalen Ikone der Individual-gesellschaft, spezielle Inhalte seiner „Arbeit“ hindern da eher, lassen sich diese doch im Rückblick so einfach ins Formale historisieren, dann, aus der Distanz betrachtet und ungefährlich.

 
Die Politik folgt dieser Stimmung und setzt bei der Suche nach Wachstum auf Eventkultur. Politisch gilt der „Künstler“ als personifiziertes Symbol der Selbst-verwirklichung und wird zum Prototyp des „Kreativen“ verallgemeinert, der die Wimpel der Dienstleistungsgesellschaft zieren darf. „Künstler“, „Lebenskünstler“, „Ich-AG“ lautet die Steigerungsformel.

Aber die „Kunst“, war sie nicht einst Teil eines humanistischen Bildungsbegriffs, Garant für eine (erst später so genannte) „ganzheitliche“ Bildung, eine Grundlage des Miteinander? Nun, zugegeben, die verschiedenen Vorstellungen von „Ganzheitlichkeit“ wirkten sich nicht immer vorteilhaft auf die Zukunftsvisionen der Zeitgenossen aus, doch immerhin, Kunst war ein Teil von ihnen.

Das klassische Feuilleton - gewachsenes Zentralorgan dieser Haltung - ist heute in vielen Zeitungen längst nicht mehr fester Bestandteil, sondern wird wieder das magere „Blättchen“, als das es einst in die Welt kam.

Doch wie Schlips und Kragen (positiv gesehen) der Offenheit und Augenhöhe zwischen den Klassen - zumindest seit der Erfindung der „Freizeit“ - dem T-Shirt zum Opfer fielen, so stehen sich heute auch die verschiedenen Auffassungen von dem, was Kunst ist, als „gleichberechtigte“ Versionen der Geschmäckervielfalt gegenüber. Die unverzichtbaren Entdeckungen und Erfindungen aus künstlerischer „Arbeit“ (die übrigens nur von den „Eingeweihten“ als solche tituliert wird) stehen dagegen nicht hoch in der Gunst des Publikums, dem Nutznießer, anders als etwa die Entdeckung der Bakterien 1676. Doch auch in der Medizin dauerte es danach noch fast 200 Jahre, bis sich die Kollegen bei der Behandlung Kranker endlich die Hände wuschen.

Bildender Künstler zu sein heißt auch heute noch, die Verzweiflung eines Dr. Semmelweiß teilen. Viele Leute waschen sich einfach nicht den Kopf, bevor Sie sich „Kunst“ ansehen.

Auch in der Kunst gilt dem breiten Publikum: Was ich nicht sehe, gibt es nicht. Aktuelle Kunst ist (tolerierter) Trieb zur Selbstverwirklichung einiger weniger „Spinner“: die Dorf-Meschuggenen. Nun, in Einzelfällen ist dies vielleicht „förderungswürdig“, aber darin gleich eine grundlegende gesellschaftliche Pflicht zur Investition zu sehen! Es ist eben ein weiter Weg vom menschlichen Leben zum Menschen. Zeit für eine Untersuchung mit Aufklärungscharakter.

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Im Rahmen des Symposiums der freien Kunsthäuser und -Initiativen setzt KiöR e.V. zwei Fragebogen zu Kunst im öffentlichen Raum in Umlauf:

artists cube - public cube

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